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Arbeitsleben

Bei meiner Arbeit an der Universität in Erlangen ist es mir oft passiert, dass sich junge Kollegen über mich lustig gemacht haben, dass ich so viel Zeit im Lehrstuhl verbracht habe, um meine Aufgaben nicht nur einfach irgendwie, sondern gut zu erledigen. Wozu die Mühe, wenn das Ergebnis doch gar nicht bezahlt wird - weil es so etwas wie Überstunden an der Uni per Definition nicht gibt und ohnehin die Qualität der Lehre nicht zählt und die Qualität der Forschung schwer beurteilbar ist?
Aber auch Freunde, Familie und Bekannte haben mich regelmäßig darauf hingewiesen, dass man auch mit weniger Arbeitszeit durchs Leben kommen kann.

Hier ist das ganz anders, hier bin ich wahrscheinlich der faulste Mitarbeiter am Institut (wobei man als Gastwissenschaftler natürlich auch weniger Verpflichtungen hat als ein fester Mitarbeiter), fauler als die Master-Studenten. Aber auch mit meinem Erlanger Arbeitspensum wäre ich hier eher normal bis unterdurchschnittlich.

 

Arbeitszeitregelungen

Der typische Arbeitstag meiner Kollegen hier, d.h. der "Teacher" nach der Promotion beginnt um 8.30 Uhr. Mittagspause kann man zwischen 11 und 14 Uhr machen, wobei die meisten Kollegen nur kurz etwas essen gehen und dann gleich wieder kommen. Allerdings
wird grundsätzlich zwischen 13.30 und 14 Uhr geschlafen, wenn irgend möglich. Das offizielle Ende der Arbeitszeit ist um 17.30 Uhr. Damit ergibt sich eigentlich erstmal ein recht entspannter Mindestarbeitstag von 08.30 Uhr bis 11.00 und von 14.00 bis 17.30 Uhr. Die normale Arbeitszeit beträgt 44 Stunden pro Woche, es gibt also eine Art Kernarbeitszeitsystem. Und auch in China gibt es eine zulässige Höchstarbeitszeit.

Das tatsächliche Ende des Arbeitstags ist allerdings zu einer Uhrzeit, die ich noch nicht sicher herausfinden konnte, weil ich nie so lange hier geblieben bin.
Üblicherweise gehen viele Kollegen wohl erst zwischen 21 und 23 Uhr nach Hause - zu diesen Zeiten bin ich meistens unterwegs und komme am Institut vorbei. Durch die Fenster kann man sehen, wer da ist, und die Räume sind immer gut besetzt, aber ab 22 Uhr wird es dann doch langsam leer am Institut.

Warum sich überhaupt jemand offizielle Vorgaben zur Arbeits- und Pausenzeit ausgedacht hat, wenn die keinen praktischen Nutzwert haben, ist mir noch nicht klar.
Aber vielleicht, um eine Rahmenvorgabe für die PhD- und Master-Studenten zu haben, die zwar auch sehr lange arbeiten, aber ihre Zeiten flexibler gestalten und die Mittagspause auch mal nutzen, um im Wohnheim richtig zu schlafen, aber dafür abends lange bleiben.

Theoretisch umfasst die Arbeitswoche Montag bis Freitag. Regelmäßig gibt es aber am Wochenende Zusatzveranstaltungen, was niemand seltsam findet. Ist ja auch viel praktischer, da sind die Räume nicht durch reguläre Lehrveranstaltungen belegt.
Wenn keine Veranstaltungen sind, kann man natürlich am Institut arbeiten, was auch etwa 2/3 aller Studenten und Kollegen machen.

Für die eigentlichen Arbeitsplätze gibt es übrigens keine Zeiterfassung (genau wie in Erlangen, wo man auch lieber nicht so genau weiß, wie lange die Mitarbeiter da waren), für den Maschinen- und Laborbereich allerdings wird mit der Eingangskontrolle aus Sicherheitsgründen auch die Anwesenheitszeit erfasst.

 

Arbeitsbedingungen

Die größten Unterschiede zeigen sich aber nicht so sehr im Zeitmodell - das ähnelt doch in vielem der Regelung bei uns, nur dass lange Arbeitszeiten eher die Regel als die Ausnahme sind - sondern in der Art, wie in der Zeit denn gearbeitet wird. Nämlich konzentriert: Kein Gequassel oder Diskussionen am Arbeitsplatz, keine Kaffeepausen mit Geplauder.
Wenn was zu besprechen ist, z.B. mit Studenten oder auch untereinander, geht man zu dem jeweiligen Arbeitsplatz hin und unterhält sich im Flüsterton. Einen Ort für Kaffee- (oder hier sowieso eher Tee-)pausen gibt es gar nicht, nur einen Wasserspender im Raum der Masterstudenten. Und da geht man hin, füllt seinen Teebehälter auf und geht wieder an seinen Arbeitsplatz - man bleibt nicht stehen und quatscht erstmal mit den anderen zufällig anwesenden Kollegen, bis der Kaffee auch schon wieder getrunken ist.


Wahrscheinlich geht das auch gar nicht anders, wenn man die Raumverhältnisse berücksichtigt: Hier gibt es vier Arbeitsräume, aufsteigend geordnet nach Wichtigkeit der Leute dort :-):
Wenn man in den Institutsbereich kommt, steht man als erstes im Raum der Masterstudenten. Dieser ist wohl knapp 60m² groß und dort arbeiten 25 Masterstudenten. Neben einem kleinen Schreibtisch und Stuhl für jeden gibt es eine Tafel mit einem Arbeitsplan für Sonderaufgaben, ein paar kleine Spinde, den Wasserspender, einen Schaukasten mit den hier gertigten Bauteilen und ein Regal, in dem die Arbeitsschuhe für den Laborbereich stehen. Rechts geht es in den Laborbereich, links geht es zum Raum der Promotionsstudenten (PhD-Studenten).
Der Raum der PhD-Studenten ist etwas kleiner als der für die Master-Studenten, vielleicht 50m² groß, wovon noch ein abgetrennter Bereich für Besprechungen abgeht, ausgestattet mit Tisch und Stühlen für 12 Personen sowie Beamer etc. und der Möglichkeit, diesen Bereich durch Jalousien zu verdunkeln. Im verbleibenden Bereich arbeiten 18 Studenten.
Dahinter kommt unser Raum, für die Teachers, also Associate Professor und sonstige Dozenten. Bei uns gibt es vergleichsweise viel Platz, denn wir sind nur sechs und der Raum ist etwa 25m² groß. Teacher haben nämlich etwas größere Schreibtische (in etwa so wie die, die man in Deutschland für Schulkinder anbietet) und außerdem ein paar Schränke, da man ja auch mal Prüfungsunterlagen und Ähnliches lagern muss.
Der "richtige" Professor (full professor) hat ein eigenes Zimmer, das neben dem Teacherbüro liegt, etwa 8m² mit Standard-Teacher-Schreibtisch, zusätzlichen Schränken und einer Ecke für Besprechungen zu zweit. Im Verhältnis zu allen anderen ist das natürlich viel, aber wenn man einem unserer Lehrstuhlinhaber so ein Arbeitszimmer anbieten würde, würden die sich ganz schön aufregen. Und auch von dort hört man durch die Wände, dass gesprochen wird, wenn auch nur gedämpft.

Aus dieser Arbeitssituation ergibt sich auch sofort, warum man sich hier gar nicht soviel miteinander unterhalten kann, selbst wenn man grade mal nicht arbeiten wollen würde. Denn wenn in so einem Raum jemand zu viel Krach macht oder zu laut spricht, stört das alle anderen. Um sich von unvermeidbaren Hintergrundgeräuschen abzuschotten, also z.B. Telefon, durchlaufende Studenten, arbeiten viele Studenten und auch einige Teacher sogar oft mit Kopfhörern. Und weil es keine Ausweichmöglichkeit gibt, redet man eben nicht so viel, sondern konzentriert sich lieber auf die eigene Arbeit.

 

Hintergründe

Warum aber arbeiten hier alle so viel? Und was noch viel erstaunlicher scheint:
Warum scheint das keinem etwas auszumachen?
Letzteres heißt natürlich nicht, dass alle das toll finden würden, aber es regt sich auch keiner besonders auf oder beklagt sein Schicksal, wie das in Deutschland durchaus üblich war, wenn man sich nicht über die Arbeiter lustig macht und lieber alles liegen lässt - der extrem lange Arbeitstag wird hier einfach so akzeptiert. Wie
kommt das?

Für eine gesicherte, umfassende Antwort fühle ich mich nicht qualifiziert, aber drei Aspekte sind mir aufgefallen, die wohl dazu beitragen:

1. Gute Arbeitsergebnisse machen glücklich, schlechte Arbeitsergebnisse machen Ärger.

In China genau wie in Deutschland gibt es natürlich Leute, die ihre Arbeit als sinnvoll und wichtig erachten und dementsprechend auch Verantwortung für ihre Aufgaben übernehmen. Dazu gehört dann eben auch, dass man sich ausreichend Mühe gibt, um eine Lehrveranstaltung ordentlich vorzubereiten oder ein Forschungsprojekt mit guten Ergebnissen zu bearbeiten.
Außerdem bedeuten gute Ergebnisse am Ende die Möglichkeit, das Studium oder die Promotion erfolgreich abzuschließen oder befördert zu werden. Schlechte oder keine Ergebnisse führen dagegen dazu, dass man Ärger mit dem Professor bekommt und bei Studenten im schlimmsten Fall die Arbeit nicht erfolgreich abschließen kann.

Für Studenten gibt es dazu ein definiertes System, was als Mindestleistung vorgelegt werden muss: Soundvoviele Veröffentlichungen, Ergebnisse, etc.

Auch für Dozenten gibt es ähnliche Vorgaben. Um innerhalb des Systems die Beförderung auf ein höheres Level zu erhalten, muss man bestimmte Mindestleistungen vorweisen.
Danach muss man sich aber in einer Ausschreibung gegen die Mitbewerber durchsetzen, wobei die Prüfung nur auf Basis der Unterlagen erfolgt und die Zahl der Aufrücker begrenzt ist. Es kann also sein, dass beispielsweise in einem Jahr nur zwei Leute befördert werden können, also muss man zu den zwei besten unter hundert Bewerbern gehören. Zudem darf man sich nur insgesamt drei mal bewerben - man tut also gut daran, entsprechend vorbereitet zu sein und in den Unterlagen entsprechend viele Veröffentlichungen etc. nachweisen zu können.

2. Chinesen sind es von klein auf gewohnt, lange und diszipliniert zu arbeiten.

Bereits im Kindergarten, also mit etwa 3 Jahren, beginnt der Unterricht, und zwar richtiger Unterricht, vor allem Lesen und Schreiben. Denn vor dem Beginn der Grundschule wollen einige hundert Schriftzeichen gelernt werden.
In der Grundschule haben Kinder dann jeden Tag von 8-12 und von 14-17 Uhr Unterricht (mit Ausnahme eines freien Nachmittags pro Woche), Hausaufgaben gibt es natürlich auch und anscheinend nicht grade wenige. Denn die Frage, was denn bei chinesischen Kindern beliebte Hobbys wären, hatte meinen Professor erstmal verwirrt. Nach der Umformulierung, was denn sein Sohn im Grundschulalter am Wochenende oder an dem freien Nachmittag machen würde, meinte er nur: "Homework" und war etwas verblüfft. Was auch sonst? Keine Hobbys also...  
In der Mittelschule geht dieses Arbeitspensum weiter mit dem großen Ziel, die Aufnahmeprüfung für die Universität zu schaffen. Hat man es dahin erstmal geschafft, ist das Leben etwas entspannter. Aber natürlich sollen die Eltern nicht enttäuscht werden und die Kontrollen im Unterricht sind auch an der Uni streng, daher sieht der Stundenplan auch hier einen Arbeitstag von 8.00 bis 18.00 Uhr vor, danach Hausaufgaben, am Wochenende Eigenstudium oder zusätzliche Seminare. Was man halt so unter "entspannter" versteht...
Vor diesem Hintergrund erscheinen das Arbeitspensum und auch die Art des Arbeitens an unserem Institut dann tatsächlich völlig normal.

3. Bildung ist nicht selbstverständlich, aber für ein gutes Leben unverzichtbar.
China ist derzeit ein Land mit vielen Möglichkeiten für den schnellen Aufstieg. Alles ist im Umbruch und alles scheint möglich. Gleichzeitig kann sich der Einzelne aber auch nur auf sich selbst bzw. Familie und Freunde verlassen, nicht auf eine stabile gesellschaftliche Ordnung, und muss sich seinen Platz im Leben erstmal erkämpfen. Das geht natürlich besser, wenn man eine erstklassige Ausbildung vorweisen kann. (Ob die alleine reicht, ist eine andere Frage.)

Ohne einen Universitätsabschluss gibt es dagegen meist nur sehr schlecht bezahlte und schlecht angesehene Arbeit, da es keine berufsbildende Qualifizierung als Alternative zum Studium gibt, wie in Deutschland. Wer es also nicht zum Universitätsabschluss schafft, bleibt wahrscheinlich sein Leben lang ein ungelernter Arbeiter mit geringem Verdienst für unbeliebte Arbeiten. Deswegen ist auch der Druck auf die Schüler so hoch, die Aufnahmeprüfung für die Universitäten zu schaffen, und die Zahl der Studenten, die den Abschluss dann nicht schaffen, verschwindend gering.

Allerdings ist es gar nicht so leicht, einen Studienplatz zu bekommen. Dazu reicht der eigentlich vorgegebene Standard meistens nicht aus, sondern man muss besser sein als die Vergleichsgruppe und auch ein wenig Glück haben. Denn z.B. sind die Universitäten in den Provinzen nicht gleichmäßig verteilt, je nach Wohnort hat man also bessere oder schlechtere Chancen. Wer dann tatsächlich eine Chance zum Studium bekommt, besonders an der Tianjin University, die eine Level 1-Universität ist, also eine besonders gute, der nutzt sie und schätzt sich glücklich.


Neben diesen aktuellen Gründen wirken wahrscheinlich auch noch die Ereignisse der Kulturrevolution nach, die zumindest bei der Elterngeneration der jetzigen Studenten sowie den älteren Teacher noch sehr präsent ist. In der Zeit der Kulturrevolution waren Möglichkeiten für eine schulische oder universitäre Ausbildung praktisch nicht vorhanden. Und auch danach war es schwierig, da viele der früheren Lehrer und Professoren zur Umerziehung weggeschickt worden waren und auch nach ihrer Rückkehr nicht mehr im alten Beruf arbeiten durften. Es gab also einfach oft keine Schule.
Dementsprechend werden die Möglichkeiten zu Studium also dankbar genutzt und keineswegs als selbstverständlich angesehen. Und dazu gehört natürlich auch, dass man sich entsprechend anstrengt.
(Ich habe übrigens nach diesem Thema nie gefragt, weil ich das als recht sensible Zeit eingestuft hatte. Der Professor und auch Kollegen haben mir von sich aus erzählt, was ihre Eltern oder sie persönlich damals erlebt haben. Bei manchen Geschichten kann man sich nur wundern, wie sie das überstanden haben.)

 

Und was sagt und das?

Natürlich kann es sein, dass nur hier an der Tianjin University die Leute so viel arbeiten, weil hier nur die besten und motiviertesten hinkommen - aber mein Eindruck ist eher, dass das Verhalten auch außerhalb der Universität als normal gilt.


Aber was auch immer die Gründe für den Arbeitseifer sein mögen:
Ich kann die Kollegen und Studenten hier nur bewundern!
Und frage mich etwas betroffen, ob ich überhaupt etwas nützliches leisten kann, um wenigstens den zusätzlichen Aufwand wieder auszugleichen, der durch meine Anwesenheit hier entsteht.

Und was kann man nun aus diesem Vergleich lernen? Sollte man sich wünschen, dass die Leute auch in Deutschland wieder mehr arbeiten oder dass der dort eingeschlagene Weg zu mehr Entspanntheit und zu geringeren Ansprüchen an die eigene Leistung fortgesetzt wird?

Das ist eine höchst philosophische Frage. Für den Einzelnen im Moment ist das entspannte Leben sicher besser, für die von den Ergebnissen Betroffenen ist die Anstrengung wünschenswert. Man kann meiner Meinung nach also ruhig so entspannt bzw. faul sein wie man will, sollte sich aber auch überlegen, dass man gerade an der Universität auch für die Ergebnisse seiner Arbeit (bzw. die Folgen der Nicht-Arbeit) Verantwortung trägt, für sich selbst genauso wie für andere.

Denn was "normal" ist, ist definitiv keine Entscheidungsgrundlage - denn "normal" ist ein sehr variabler Zustand, wie man sieht.

27.3.13 09:36
 


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