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Qingming-Fest

Eine der wichtigsten Informationsquellen sind die lieben Kollegen. Da ja während der Arbeit nicht geplaudert wird (siehe Thema Arbeitsleben), findet der größte Wissensgewinn des Tages in der Mittagspause statt, nicht in der eigentlichen Forschungszeit. Am Ostermontag z.B. wurde ich beim Mittagessen mit den Kollegen von der Frage überrascht, was ich denn für das Qingming-Festival geplant hätte. Qingming-Festival? Planung? Erfreuliche Überraschung – es gibt in dieser Woche drei Feiertage, nämlich von Donnerstag bis Samstag, eben anlässlich des Qingming-Festes.

Der Qingming-Feiertag war in diesem Jahr der 04.04., also der Donnerstag nach Ostern, der durch zwei weitere freie Tage ergänzt wurde. Qingming ( heißt übersetzt so viel wie „klar hell", also "klares Licht“ und ist der einzige traditionelle Feiertag in China, der nicht nach dem Mondkalender, sondern nach dem Sonnenkalender festgelegt wird. Trotzdem wandert der Termin im Zeitraum einiger Tage, üblicherweise zwischen dem 04. und dem 06. April. (Warum auch immer – wahrscheinlich weil ein echter Sonnenkalender nicht komplett mit dem sonst verwendeten gregorianischen Kalender übereinstimmt. Aber immerhin ist die Übereinstimmung deutlich höher als beim Mondkalender, nach dem die anderen traditionellen Feiertage bestimmt werden. Denn die bewegen sich innerhalb eines Bereichs von vier bis fünf Wochen.)

Dieser Tag hat zwei wichtige Bedeutungen:

  1. Qingming ist das Fest der Grabreinigung und der Ahnenverehrung.

    Die Gräber oder Gedenkstätten der Vorfahren werden geputzt und man bringt ihren Geistern Gaben dar, damit es ihnen im Jenseits gut geht. Um Gaben ins Jenseits zu übermitteln, werden sie verbrannt und gelangen dann über den Rauch in die Geisterwelt hinüber.
    Schon einige Tage vorher hatte ich eine Menge Papiergeld gesehen und auch Papierblumen, aber nicht recht einordnen können. Neben Geld kann man aber auch alles andere in Papierform darstellen und verbrennen, was die Vorfahren zu ihrem Wohlergehen so brauchen könnten, z.B. berichtet ChinaDaily (eine große englischsprachige chinesische Tageszeitung) vom boomenden Markt für Autos, Häuser, Laptops und insbesondere Smartphones aus Papier. Genauso gibt es aber das Totengeld in mehreren Varianten, von den aktuellen Scheinen über Banknoten vom Ende der Kaiserzeit bis hin zu Goldmünzen oder Goldbarren aus den früheren Dynastien.

    Papiergeld und Papierblumen für die Ahnen an einem Stand auf dem Straßenmarkt

    Neben Papiergeld und Papierblumen werden üblicherweise Esswaren dargebracht bzw. mit den Toten geteilt, das heißt es gibt eine Art Picknick am Grab. Außerdem werden Räucherstäbchen abgebrannt. Die Blumen werden übrigens nicht verbrannt, sondern dienen als Schmuck. Man kann also auch frische verwenden, aber die sind sehr rar und halten ja auch nicht so lange.
    Dieses Zeremoniell ist allerdings mit einigen praktischen Problemen verbunden: Traditionell sollten die Gaben direkt auf dem Grab dargebracht werden. Wenn man die Mengen von Menschen bedenkt, führt das aber auf dem Friedhof und auch auf dem Weg dorthin zu großem Gedränge. Unter diesen Umständen ist es nicht ganz ungefährlich, Sachen zu verbrennen. Auf Friedhöfen dürfen Brandopfer daher nicht mehr direkt bei den Gräbern dargebracht werden, sondern nur in speziellen Bereichen, für die man entsprechend einen Zeitraum anmelden muss – oder sich anstellen. Wenn man aber bedenkt, wie groß China ist und wie weit weg von zu Hause viele Leute arbeiten oder studieren, ist alleine das Hinkommen zur Grabstätte der Familie schon ein Problem. Unter anderem wohl deswegen wurde der eigentliche Feiertag vor einigen Jahren bei einer Reform der Feiertagsregelungen auf drei Tage ausgeweitet. Wirklich verpflichtet zur Ahnenverehrung sind eigentlich nur die jeweiligen Stammhalter, also die ältesten lebenden Söhne, bei den anderen Familienmitgliedern ist es wohl eher eine Frage des Respekts.
    Inzwischen sind daher auch einige Alternativen üblich geworden: Man kann die Brandopfer auch an einem anderen Ort darbringen (z.B. auf dem Gehsteig vor dem Haus, was natürlich denen, die für Ordnung auf den Friedhöfen sorgen wollten, auch nicht gefällt) oder gleich online. Für letzteres ist es dann wahrscheinlich auch nützlich, wenn die Ahnen ein Smartphone und Internetanschluss haben...

  2. Qingming markiert einen Wetter- und Jahreszeitenwechsel.

    Es ist der Beginn des spürbaren Frühlings, der sich durch mehr Regen und wärmeres Wetter zeigen soll. Dementsprechend ist es traditionell der Beginn der Saatzeit für Bauern und ein Tag, um den Frühling und das frische Gras willkommen zu heißen. Insbesondere für Städter und für Kinder ist das Qingming-Fest daher auch ein Anlass, einen Frühlingsausflug zu unternehmen und sich einen Ort zu suchen, wo es etwas Natur gibt. Das sieht dann so aus, dass alle Leute unterwegs sind und sich in Parks oder Ähnlichem tummeln. Schulen und Kindergärten unternehmen Wandertage, Musikgruppen treten auf, man geht spazieren oder auch auf einen größeren Ausflug in eine andere Stadt und es herrscht allgemein Jubel, Trubel, Heiterkeit.
    Eine besondere Tradition ist es, Drachen steigen zu lassen, am Abend auch mit Lichtern daran. Das Bemalen von Drachen bei einem Aktionstag zur Earth Hour hier auf dem Campus (10 Tage vorher), war wahrscheinlich schon als Vorbereitung gedacht. Die Drachen können dann „freigelassen“ werden (sprich: man schneidet die Schnur durch). Man kann also vorher auf die Drachen etwas schreiben, was man los werden möchte, z.B. Krankheiten oder Sorgen. Diese verlassen einen dann mit dem Drachen. Oder man schreibt ein Liebesgedicht und hofft, dass der Drache bei einem geeigneten Partner landet, typischerweise sucht so ein Mann eine Braut. Wenn eine unverheiratete Frau den Drachen findet oder fängt und ihr das Gedicht gefällt, sucht sie den zugehörigen Mann bei den Drachenleuten in der Nähe.
    (Diese Tradition hat meiner Meinung nach einige Tücken, bei denen ich nicht herausfinden konnte, wie sie umgangen werden: Wenn man einen Drachen findet, auf dem die Krankheiten und Sorgen stehen, bringt das dann Unglück? Jedenfalls hat man doch gar keine Lust, Drachen zu jagen, wenn die Chancen hoch sind, dass man dann nur eine Liste von Unerfreulichkeiten findet... Und wenn der Wind stark ist, fliegt der Drache doch sehr weit – wie soll man dann den zugehörigen Autor finden? Herumlaufen und fragen, ob einem dieser Drache bekannt vorkommt? Da wird doch der Mann eher auf das Mädchen als auf den Drachen schauen... Naja, vielleicht ist das der Sinn dabei, man hat einfach einen Vorwand, um ins Gespräch zu kommen. Und vielleicht sind die Traditionen eigentlich aus unterschiedlichen Gegenden, so dass es nicht zu Verwirrungen kommen kann. Herausfinden konnte ich das nicht, denn es haben zwar viele Leute Drachen steigen lassen, aber keiner hat seinen freigelassen.)


    Mein Drache vom Aktionstag - mit chinesischer Schrift dank freundlicher Unterstützung

Diese zwei Anlässe mit ihren ganz unterschiedlichen Charakteren (mit Trauer verbundenes Gedenken an die Toten und fröhlicher Ausflugstrubel) scheinen auf den ersten Blick sehr unterschiedlich zu sein, so dass die Verknüpfung merkwürdig erscheint. Allerheiligen als Pendant zu Qingming als Tag der Grabreinigung ist beispielsweise traditionell nicht grade ein Anlass für Belustigungen.

Wenn man den Namen des Tages, „klares Licht“, bedenkt, ist die ursprüngliche Festlegung wohl bezogen auf den wahrgenommenen Frühlingsanfang. Bei der Recherche nach Hintergründen habe ich für die Verbindungen mit dem Totengedenktag keine „offizielle“ Erklärung finden können, wohl aber den Hinweis, dass in einigen Gegenden traditionell an Qingming nur kalt gegessen wird. (Anmerkung: Das ist extrem ungewöhnlich, schließlich ist man üblicherweise drei warme, gekochte Mahlzeiten.) Der Grund dafür liegt der Legende nach in einer Geschichte aus alten Zeiten, die dem Ganzen noch eine gruselige Note gibt – denn gruselig hatten wir ja noch nicht:

Während der „Frühling und Herbst“-Zeit in einer frühen Dynastie (770 – 476 v.C.) gab es Streitigkeiten um die Nachfolge. Einer der beteiligten Prinzen, Chong'er, musste ins Exil flüchten. Er wurde begleitet von einem besonders loyalen Gefolgsmann, Jie Zitui. Um seinen Prinz vor dem Verhungern zu retten, schnitt sich Jie Zitui ein Stück seines Beins ab und kochte daraus Suppe. Als der Prinz das gemerkt hat, war er sehr dankbar und versprach, ihn später zu belohnen, wenn er die Macht gewonnen habe.

Das Exil dauerte 19 Jahre und offensichtlich war der Prinz ja eh nicht der Hellste, sonst wäre ihm ja schon früher aufgefallen, dass sich sein Diener das Bein abschneidet. Jedenfalls hatte er die versprochenen Belohnung für Jie Zitui vergessen, als er endlich an die Macht kam. Dieser zog sich deswegen aufs Land zurück. Als andere den Prinz aber an seinen Gefolgsmann erinnerten, war es ihm dann doch peinlich, und er zog los, um ihn zu finden. Jie Zitui hatte aber wohl genug von dem Prinz (oder er war besonders bescheiden), also versteckte er sich zusammen mit seiner Mutter in einem Bergwald. Und weil der Prinz ihn nicht finden konnte, ließ er den Wald anzünden, damit die Suche leichter werden würde. Erstaunlicherweise war das keine gute Idee, sondern die beiden verbrannten mit dem Wald. Darüber war der Prinz natürlich sehr traurig und ordnete an, das von nun an dieser Tag als Gedenktag der Toten gehalten werden sollte und dass zur Erinnerung an diesen schrecklichen Fehler kein Feuer gemacht werden sollte.

Dieser Gedenktag war eigentlich kurz vor Qingming, wurde aber im Lauf der Zeit kombiniert.

Von dieser Geschichte mag man halten, was man will – sie ist in vielerlei Hinsicht interessant und offen für Interpretationen. Die Tradition des kalten Essens besteht aber nur in einigen Gegenden, während es in anderen ebenso elaborierte und in Legenden eingebundene Traditionen für besonders gutes Essen gibt, das mit den Toten geteilt wird, oder für Essen, das mit land- und hauswirtschaftlichen Überlegungen verbunden ist (gegrillte Schnecken z.B., deren Häuser angeblich die Mäuse vertreiben, so dass sie im Folgenden die Zucht von Seidenraupen und das Anlegen von Vorräten nicht stören). Soweit ich das beurteilen kann, ist heutzutage hauptsächlich die Tradition von besonders gutem Essen lebendig...

Ich denke jedenfalls, dass die zwei Seiten dieses Festes gar nicht so unterschiedlich sind, sondern eigentlich zusammen gehören. Denn als ich eine befreundete Studentin gefragt habe, ob man wegen des Totengedenktags besondere Regelungen beachten müsste (unser Tanztraining abends wurde nämlich ausgesetzt), meinte sie nur, das Gedenken an die Toten hätte ja viele Gesichter – von Trauer bis Dankbarkeit. Deswegen gäbe es keine besonderen Regeln und jeder könne machen, was er für richtig hält. Nur unser „Großer Bruder“ (der verantwortliche Student, sozusagen der Übungsleiter) wäre nicht da, deswegen kein Training.

Diese Sichtweise auf das Totengedenken ist ein guter Schlüssel, um die zwei Aspekte zu verbinden. Wenn der Qingming-Tag mit dem Wetterwechsel den Beginn der Saatzeit anzeigt, bedeutet das ja auch, dass landwirtschaftlich gesehen eine Zeit beginnt, in der neben dem eigenen Arbeitseinsatz auch passende äußere Umstände, insbesondere passendes Wetter, notwendig sind, damit es später auch genügend zu ernten gibt. Und dafür holt man sich in praktisch jeder Kultur Hilfe aus dem religiösen bzw. spirituellen Bereich. In der christlichen Tradition werden die Felder gesegnet, später im Jahr gibt es z.B. das Gebet um Schutz vor Unwetter oder den Wettersegen, schließlich folgt Erntedank. In China ist das wichtigste spirituelle Element die Verehrung der Ahnen, die als Geister großen Einfluss auf das Leben der Menschen nehmen können. Es erscheint also logisch, dass man diese für die bevorstehende Zeit freundlich stimmen möchte, indem man dafür sorgt, dass es ihnen im Jenseits gut geht. Dadurch kann man dann auch ihre Unterstützung erhalten und sich vor Unglück schützen. Man kann den Beginn des Frühlings und der Aussaat also nur dann feiern, wenn man auch die Toten, also die Vorfahren einbezieht.

Vielleicht ist es aber auch ganz anderes...

 

Für meine Kollegen jedenfalls waren diese Überlegungen bei weitem nicht so wichtig wie die Freude über die freien Tage. Sie hatten geplant, mit den jeweiligen Freundinnen etwas zu unternehmen, und ich wurde netterweise eingeladen, auf einen zweitägigen Ausflug nach Peking mitzukommen.

Bleibt nur noch die Frage, warum ich nicht vorher wusste, dass bald ein Feiertag kommt: Nun, in meinem deutschen Kalender ist Qingming natürlich nicht eingetragen. In Büchern über China steht wegen des wandernden Termins nur „Anfang April“ und das dreitägige Konzept ist auch noch relativ neu. Lustigerweise steht der Feiertag aber auch nicht in dem chinesischen Kalender, der zum Zubehör des übernommenen Arbeitsplatzes gehört.

Warum das aber so ist, weiß ich nicht. Aber es gibt ja noch einige Mittagspausen, also auch noch die Chance, es herauszufinden...


Disclaimer:

Vielleicht kann man finden, dass ich die Traditionen und Legenden zu wenig respektvoll dargestellt habe. Das entspricht aber der Haltung, mit der sie mir erzählt wurden, soll also das damit verbundene Gefühl widerspiegeln, das ich in meinem direkten Umfeld aus Studenten und jungen Teachers erfahren habe. Diese Gruppe ist ja nirgendwo auf der Welt für besonders ernsthaften Umgang mit Traditionen bekannt.

Quellen:

Ein Teil der verwendeten Informationen stammt nicht aus eigener Beobachtung, sondern aus Erzählungen von Kollegen und befreundeten Studenten. Ergänzt wurden diese durch Zeitungslektüre und Internetquellen (vor allem http://www.china.org.cn/english/features/Festivals/78319.htm; http://www.travelchinaguide.com/essential/holidays/qingming.htm und http://www.chinahighlights.com/festivals/qingming-festival.htm), um die Hintergründe zu verstehen.

 

12.4.13 08:26


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